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Aus dem Kreisboten Sonderspecial "Pferde und Reiter" von Mittwoch, 08. Juni

Auf den Zahn gefühlt

Der Schlüssel zu allem Wohlbefinden ist das Pferdemaul, aber leider zu oft verkannt, weil in der Regel von außen nichts Ungewöhnliches erkannt wird, obwohl bei Reit-und Fahrpferden täglich ein Gebiss ins Maul geschoben wird. Bricht am Huf ein Stück ab oder klappert ein Hufeisen wird sofort reagiert. Hat das Pferd ein stumpfes Fell, wird mit Zusatzfutter reagiert. Nimmt das Pferd ab, wird mit mehr Futter reagiert. Treten beim Reiten Veränderungen auf. wird reagiert. Hufspezialisten, Osteopathen, Tierärzte und Ausbilder tun dafür ihr Bestes. Hat man bei all diesen Veränderungen einmal in Erwägung gezogen in das Pferdemaul hineinzuschauen oder beim Fressen mal sein Pferd genau zu beobachten, wie es das Futter aufnimmt und kaut?! Wahrscheinlich eher weniger. Ein Großteil von Problemen ließe sich vermeiden oder würde erst gar nicht entstehen wenn öfter in das Maul geschaut werden würde.

Eine regelmäßige Zahnkontrolle ist daher unbedingt notwendig. Bereits im Fohlenalter sind Fehlstellungen der Zähne erkennbar und meist zu beheben. Pferde, die sich zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr befinden und im Zahnwechsel stehen, sollten halbjährlich kontrolliert werden, da der Zahnwechsel nicht immer reibungslos verläuft. Die Probleme, die bei jungen Pferden beim Zahnwechsel auftreten, sind nicht abgestoßene Milchzahnkappen die das Nachschieben der Permanentzähne verhindern und/oder einen anderen Weg vorgeben. Unregelmäßigkeiten beim Zahnwechsel können auch Wellen und Stufen in den Backenzähnen erzeugen, die ebenso das Zerkleinern des Futters erschweren.Ab dem sechsten Lebensjahr ist in der Regel ein jährliche Kontrolle ausreichend. Kommen die Pferde in das Seniorenalter (ab ca. 18 Jahre) sollte wieder eine halbjährliche Kontrolle durchgeführt werden.Es gibt zwei einfache Tests für jeden um schnell festzustellen ob vielleicht das Pferd mit den Zähnen ein Problem haben könnte:Beim Heben und Senken des Pferdekopfes sollte sich der Unterkiefer um ca. 5mm nach hinten und vorne verschieben können. Ebenfalls sollte sich der Unterkiefer seitlich nach links und rechts ohne großen Widerstand gleichmäßig verschieben lassen.Viele Zahnprobleme sind auch bedingt durch heutige Futter- und Haltungsbedingungen. Weil unser heutiges Futter oftmals aus weichem Futter wie Gras, Heu, Stroh oder Silage besteht, werden die Schneidezähne unbedeutend beansprucht bzw. abgenutzt. Eine Überlänge der Schneidezähne resultiert daraus die wiederum Auswirkungen auf die Backenzähne haben kann. Es ergeben sich Ungleichgewichte in der Balance im Pferdemaul. Schneidezähne, Backenzähne und Kiefergelenk stehen nicht mehr ideal zueinander.

Die Kaubewegung verändert sich zusehends negativ, dadurch kommt es zu einer weiteren Verschiebung im Kauablauf. Daraus verändert sich wiederum der natürliche Abrieb von Backen- und Schneidezähnen. Zusätzlich kommt noch ein natürliches Nachschieben der Pferdezähne von 2 - 3mm jährlich dazu. Die Backenzähne nützen sich oftmals anders ab als die Schneidezähne. Es entstehen scharfe Kanten, Haken und Rampen. Dadurch wird wiederum die Kautätigkeit zusätzlich stark beeinträchtigt. Die gesamte Kaumechanik kommt aus dem Gefüge und blockiert zunehmend, dies kann so weit gehen, dass das Pferd quasi nicht mehr fressen kann, weil keine Malmtätigkeit mehr gegeben ist.  Wenn das Futter nicht richtig im Maul zerkleinert und vorverdaut werden kann, hat dies oft schwere gesundheitliche Folgen für den weitern Verdauungstrakt im Pferd. Es kann z. B. zu Magengeschwüren und Durchfallerkrankungen bis hin zu Koliken kommen, weil das Futter nicht richtig verwertet werden kann und den Verdauungstrakt dadurch auch belastet. Oft sind die Pferde dann auch (stark) abgemagert bei eigentlich ausreichender Fütterung.  Durch falsche Kaumechanik können Futterreste in den Backenzahnzwischenräumen verbleiben, die wiederum kariöse und parodontöse Erkrankungen zur Folge haben. Starker Mundgeruch und Nasenausfluss sind keine Seltenheit und ein absolutes Alarmsignal. Aber auch genetische Veranlagungen können zu Zahnproblemen führen. Überbiss, Unterbiss oder veränderte Zahnreihen können Folge einer Veranlagung sein. Solche Pferde sollten unter einer ständigen Überwachung von einem Dentisten sein.  Neben den verdauungstechnischen Problemen entstehen auch oft muskuläre Verspannungen im Pferdemaul bedingt durch „unrunden“ Kaumechanismus. Eine der bekanntesten ist die sogenannte Cranio-Mandibuläre-Dysfunktion (CMD) - eine schmerzhafte Überbelastung der Kiefergelenke. Dies kann Auswirkungen auf den ganzen Pferdekörper haben. Die gesamten Muskulaturen arbeiten wie Zahnrädchen zusammen, somit können auch Bewegungsabläufe, innere Organe und durch Spannungen bedingt auch das Nervensystem in Mitleidenschaft gezogen werden.  Hat man nun selbst den Verdacht, dass die Zähne seines Pferdes nicht in Ordnung sind, kann man einen Termin mit einem Pferdezahnspezialisten vereinbaren.

Aber woran erkennt man einen guten Pferdezahnspezialisten? Es sollte eine ausführliche Untersuchung des Kopfes, der Kaumuskulatur, der Kiefergelenke und der gesamten Maulhöhle durchgeführt werden. Für den Maulinnenraum wird ein Maulgatter verwendet. Mit guter Lichtausleuchtung können bereits visuell Veränderungen/Verletzungen erkannt werden. Der Besitzer kann auch selbst dem Pferd „auf den Zahn fühlen“ und gravierende Veränderungen, mit denen sich das Pferd auch permanent selbst verletzt, erfühlen. Ebenso wird das gesamte Verhalten des Pferdes mit berücksichtigt und besprochen. Gibt es Probleme beim Reiten? Verhält sich das Pferd rechts- und linksherum anders. Gibt es heftige Reaktionen. Grundlegende Kenntnisse in der Pferdeausbildung sind hier ebenfalls sehr hilfreich um Hinweise auf ein Zahnproblem zu erkennen. Alle Veränderungen, Auffälligkeiten und Verhaltensweisen werden mit dem Besitzer zusammen genau protokolliert. Mit verschiedensten Spezialinstrumenten können die einzelnen Zahnprobleme individuell behandelt werden. (Der Zahnarzt benutzt ja auch nicht nur einen einzigen Bohrer).

 Zur Behandlung stellt sich immer die Frage: Sedation des Pferdes: ja oder nein? Eine genaue und präzise sowie sanfte Behandlung, bei der das Pferd keinen psychischen und physischen Schaden nimmt, wird in der Regel ohne eine Sedation nicht optimal möglich sein. Das Pferd bleibt hierbei ruhig stehen, wackelt nicht mit dem Kopf und verhindert somit eine Eigenverletzung sowie die Verletzung von den Behandelnden. Lassen sie sich von ihrem Spezialisten beraten.Nach erfolgter Zahnkorrektur stellen sich häufig erfreuliche Veränderungen ein: Das Pferd nimmt zu, frisst gleichmäßiger, es fällt bei Fressen nichts mehr aus dem Maul und beim Reiten kann es besser klappen, Widersetzlichkeiten können sich reduzieren.Es sollte ein Zahntermin also auf jeden Jahresterminkalender eingeplant werden, genauso wie Impfungen, Wurmkuren und Hufschmied. – Zum Wohle des Pferdes.   

Ralf Schmitzer
RMS Equine Dentistry
Gstadterhof 2
87477 Sulzberg
Infotelefon 08376/1664

 

 

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